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Vipassana Meditation Bitte einmal NICHTS und dafür ALLES


Dies ist mein persönlicher Erfahrungsbericht über den 10-Tage-Kurs im Dhamma Pajjota Vipassana Meditation Centre in Dilsen-Stokkem in Belgien. Vielleicht interessierst du dich selbst für einen Kurs oder du bist über die Vipassana Meditation gestolpert und möchtest dir ein eigenes Bild davon machen.


Vorweg möchte ich sagen, wenn du Interesse an dieser traditaionellen Vipassana Meditation hast, dann informiere dich am Besten über die offizielle Website https://www.dhamma.org/de . Dort findest du alle Informationen über die Art der uralten Meditationstechnik und S.N.Goenka, der Vipassana von seinem Lehrer, Sayagyi U Ba Khin lernte und das Wissen dieser Lehre zunächst zurück nach Indien brachte, wo er bald tausende Schüler aus der ganzen Welt unterrichtete. Auch findest du hier die kompletten Teilnahmebedingungen sowie die Kurssuche und die weltweit aufgestellten Meditationszentren, in denen du einen Kurs antreten kannst.


Dieser Beitrag kann dir vielleicht helfen, Ängste oder Zweifel abzubauen und dich sehr neutral an dieses Erlebnis ranzuwagen. Manchmal benötigt man nur noch den letzten Schups, um sich auf die Reise zu machen. Eigentlich kannst du es mit einer Achterbahnfahrt vergleichen. Du kannst dir die Bahn und ihre Strecke von aussen anschauen, die Loppings einschätzen, mit anderen Fahrten in der Vergangenheit vergleichen und dir von anderen Fahrgästen die Fahrt beschreiben lassen.

Aber wenn deine Fahrt dann losgeht, mit diesem aufgeregten Gefühl im Bauch, dann ist es egal, was ich dir vorher von meiner Achterbahnfahrt erzählt habe. Deine Fahrt wird höchst wahrscheinlich ganz anders sein.

Am Besten sehr unbeschrieben an die Sache rangehen und sich überraschen lassen. Wichtig ist, das man sich der vorgegebenen Regeln im Vorfeld bewusst ist und auch in der Lage ist, sie gewissenhaft während der 10 Tage einhalten zu wollen.


Die fünf Grundregeln (silas):


  1. kein lebendes Wesen zu töten;

  2. nicht zu stehlen;

  3. sich jeglicher sexueller Aktivitäten zu enthalten;

  4. nicht zu lügen;

  5. keine Rauschmittel irgendwelcher Art (einschließlich Tabak und Alkohol) zu sich zu nehmen.


Auch gut zu wissen:

Neben den 5 Grundregeln gibt es eine weitere Regel, wenn nicht vielleicht die Wichtigste, das Schweigen, auch edle Stille genannt. Die Kursteilnehmenden sprechen nicht miteinander und vermeiden auch jede andere non-verbale Kommunikation wie beispielsweise Blickkontakt oder Gestikulieren. Auch ist jeglicher Körperkontakt untersagt.


Ich muss nicht erwähnen, das natürlich auch kein Handy, Radio oder Laptop erlaubt sind. Auch Schreibmaterial oder Bücher werden zu Hause gelassen. Jegliche private Gegenstände, Schmuck, Glücksbringer, eingeramte Bilder der Liebsten würde ich ebenfalls zu Hause lassen, damit man in den schweren Momentan nicht zu sehr dramatisiert.

Dadurch kann ein klarer Raum entstehen. Ziel ist es, Ablenkungen jeder Art zu unterbinden, damit der Fokus auf der Meditation liegt. Den Kursteilnehmenden wird es somit sehr leicht gemacht.

Rückblickend kann ich sagen, dass es fast keinen anderen Ort gibt, an dem du dich so von den äusseren Umständen zurückziehen kannst. Es ist quasi ein Geschenk. Und tatsächlich wünsche ich mir diesen Ort im Alltag manchmal zurück und ich bin froh, dass ich diese Erinnerungen und diese Stille und Sicherheit in mir trage.


Des Weiteren sind Sport oder eine Asana-Praxis während der 10 Tage nicht erlaubt. Diesbezüglich kann ich auch nur bestätigen, dass das eine sinnvolle Vorgabe ist, da ich eh nicht in der Lage gewesen wäre vor Ort auch noch Yoga zu praktizieren. Teils war ich in den kurzen Pausen so müde, dass ich mich wirklich nur noch auf meine Matraze habe fallen lassen.


Da man vor Ort ja komplett bekocht wird, ist es auch nicht zugelassen, sich selbst zusätzliches Essen mitzubringen. An dieser Stelle bin ich ganz offen mit euch. Im meinem Alltag habe ich stets einen Notriegel in der Tasche für den Fall der Fälle, der jedoch nie auftritt. Und wahrscheinlich habe ich noch nie in meinem Leben wirklich unter Hunger gelitten. Jedoch musste ich mir diesen einen Rettungsschirm einpacken. Wie Gollum in Herr der Ringe hatte ich meine 5 Storck Schokoladen Riegel Bonbons tief in meinem Rucksack verpackt. Bei der Anreise habe ich mich wirklich wie beim Zoll gefühlt, so als ob ich verbotene Ware ins fremde Land einschmuggeln würde.

Nun, was soll ich sagen, ich habe die 5 Bonbons zelebriert. Und einen von den 5 habe ich meiner Zimmernachbarin am 4. Tag, in ihrer ersten schweren Stunde, aufs Bett gelegt. Auch ohne mit ihr zu sprechen, war mir klar, sie hadert gerade mit sich selbst. Kurzweilig war ich mir jedoch etwas unsicher, ob sie mich vielleicht bei der Managerin verpetzen würde. Welche Gedanken einem so alles in den Kopf kommen, wenn man so alleine mit sich ist und vielleicht zuviel fernsehn in seinem Leben geguckt hat. Tasächlich lag das Schokoladen Papierchen als Herz geformt am nächsten Tag auf meinem Bett. Es war sein sehr emotioneler und schöner Moment für mich.

Genauso schön war es, als mich eine für mich ja eigentlich fremde junge Frau ( sie kommt aus Barcelona wie ich am letzten Tag dann erfahren habe) unter ihren geöffneten Regenschirm aufgenommen hat, als es feste angefangen hatte zu regnen. Ohne uns zu berühren sind wir schweigsam neben einander geschützt vor dem Regen zur Meditationshalle gelaufen. Das war eine sehr tiefe Verbindung, ganz ohne Reden oder Umarmen.


Jeder 10-Tage-Kurs wird von mindestens zwei Vipassana Lehrern und zwei Manager geleitet und betreut. Solltest du ein gesundheitliches Problem oder eine Frage bezüglich der Meditationstechnik haben, kannst du dich jeden Tag in vorgegebenen Sprechzeiten an den Lehrer wenden. Darüber hinaus kannst du den Manager jederzeit ansprechen.

Ganz wichtig zu erwähnen ist, dass die Vipassana Lehrer Experten für die Meditation sind und keine Psychotherapeuten. Auf der Website der Dhamma-Organisation wird dies auch immer expliziert erwähnt. Die Vipassana Meditation kann keine ernsthaften psychischen Probleme lösen und ersetzt niemals eine fundierte Psychotherapie.



Was ist eigentlich Vipassana?

Es geht beim Vipassana immer um die Erfahrungsebene, die gezielte Beobachtung der eigenen Empfindungen – nicht um eine theoretische Übung. Daher ist es wirklich sehr schwer, die Technik hier passend zu beschreiben; um Vipassana annähernd zu verstehen, musst du es praktisch lernen. Da auf tiefer Ebene mit dem Geist gearbeitet wird, um fundamentale Einsichten zu gewinnen, muss der Geist erst einmal zur Ruhe kommen oder im wahrsten Sinne erst einmal gebändigt werden. Und diese Arbeit kann man nicht an einem Wochenende vollziehen, dafür bedarf es etwas mehr Zeit.



Was kostet ein Vipassana-Retreat?

Das komplette Retreat ist kostenfrei. Die Vipassana-Meditationszentren finanzieren sich einzig und alleine durch freiwillige Spenden von Kursteilnehmenden, die den 10-Tage Kurs absolviert haben. Damit wird gewährleistet, dass diese Kurse allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden können. Gerade in einem facettenreichen Land wie Indien mit sehr viel Armut, war dieser Akt damals wie heute ein sehr grosszügiges Angebot. Die Unterkunft, das vegetarische Essen und die Möglichkeiten von den Lehrern unterrichtet zu werden, wird künftigen Teilnehmenden von vorherigen Schülern geschenkt. Somit können heute alle Interessierten nicht nur in Indien sondern auf der ganzen Welt diese Technik der Selbstheilung erlernen.



Wie ist der genaue Ablauf vor Ort?

Es ist ein 10-Tage-Kurs mit einem festgelegten Ablauf. Insgesamt sind es 12 Tage, mit An- und Abreisetag eingerechnet. 4 Uhr morgens geht der Gong und um 22 Uhr ist Bettruhe. Ehrlicherweise bin ich sehr naiv angereist und hatte mir im Vorfeld gar nicht so viele Gedanken über den jeweiligen Tagesablauf gemacht. So oder so, du wirst es schaffen. Auf der einen Seite ist es ja auch eine Erleichterung, wenn die Tage fast alle identlich ablaufen. Der aktuelle Tagesplan wird aber auch immer ausgehangen, so dass man sich daran orientieren kann. Im Essensraum hängt auch immer die jeweilige Tageszahl, damit man weiß welcher Tag ist. Keine Sorge, du wirst wissen, welcher Tag ist und du wirst auch insgesamt sehr klar im Geist werden.


Vor dem Abreisetag, also am letzten Tag des 10-Tage-Kurses wird dann auch wieder ab 10 Uhr morgens gesprochen. Somit hat man die Chance sich mit seiner Zimmernachbarin oder andern Kursteilnehmern auszutauschen. Sehr interessant dieser Austausch. Schön zu erfahren woher die Menschen kommen und wie sie die Tage empfunden haben. Man ist sehr verbunden, auch ohne zu kommunizieren. Wenn alle Schnörkel und Verblendungen rausgenommen werden, kann man sich offen und ehrlich begegnen.



Wäre die Vipassana Meditation auch was für mich?

Die Vipassana Meditation ist für alle möglich. Solltest du dir überlegen, ob du dich auch für einen 10-Tage Kurs anmelden solltest, habe ich dir jeweils aufgelistet, was für und was gegen eine Anmeldung sprechen würde. Die Auflistung ist nicht abschließend.


Für wen ist Vipassana eine Möglichkeit: 

Für jene, die 

  • frei von ihrem Leid werden wollen

  • frei von ihrem gewohnten Denkmuster

  • Blätter wieder rauschen hören wollen,Käfer krabbeln sehen und ein 4-blättriges Kleeblatt im Gras finden wollen

  • ruhig, gelassen und gleichmütig werden möchten

  • vegetarisch und vegan sich ernähren wollen

  • sogar auf der Toilette ihr Handy mitnehmen

  • ohne Musik, Film oder Hörbuch gar nicht mehr einschlafen können 

  • ständig die Antwort im Aussen suchen

  • ständig das Entertainment suchen

  • bereit sind für Neues

  • klar im Kopf werden wollen

  • geduldig werden möchten 

  • neugierig und willensstark sind 

  • sich selbst kennenlernen wollen

  • Bock haben, sich für 12 Tage nicht zu schminken oder zu stylen, maskenfrei sein wollen

  • wieder kreativ werden möchten 

  • wieder ein Hungergefühl spüren möchten 

  • Verantwortung für sich selbst übernehmen möchten

  • ihren Körper spüren wollen

  • bereit sind, Anweisungen zu folgen

  • spüren wollen, wer sie wirklich sind und was sie wirklich wollen 

  • ihr bester eigener Lehrer sein wollen 



Für wen ist Vipassana eher keine Möglichkeit:

Für jene, die

  • sich aktuell in einer psychotherapeutischen Behandlung befinden

  • mit schweren psychischen Leiden wie Depressionen oder Psychosen zu kämpfen haben

  • vor ihren Problemen gerne weglaufen möchten

  • einen kostenfreien Urlaub oder Retreat erwarten

  • Entspannung und Verwöhnung suchen

  • ihre Verantwortung abgeben wollen

  • ausschlafen wollen

  • nichts Neues lernen wollen

  • am Gewohnten festhalten wollen

  • glauben, die Welt würde sich ohne sie nicht weiterdrehen

  • glauben, ihre Atemzüge wären nicht gezählt

  • glauben, ihr Partner oder ihre Kinder könnten nicht auch ohne sie leben (für 12 Tage)

  • nicht auf Alkohol oder Drogen verzichten können 


Was muss ich mitbringen?

Im Vorfeld wirst du genau informiert, was du für den 10-Tage-Kurs mitbringen solltst. Wenn du dich für das Dhamma in Belgien entscheiden solltest, kann ich dir eine ultimative Packliste zur Verfügung stellen, die ich nach dem Aufenthalt noch perfektioniert habe.


Hattest du Bedenken oder Zweifel im Vorfeld?

Es hat mich Jahre gekostet, bis ich mich gewagt habe, mich für einen Kurs anzumelden. Die Gespräche mit meiner lieben Freundin haben mich Schluss endlich überzeugt. Eine weitere Online Recherche hat dann auch jegliche Zweifel abgelegt, dass es sich um eine Sekte handeln könnte. Leider gibt es diese Gefahr bereits in der Yogawelt und daher wollte ich auf Nummer sicher gehen, da ich mich nicht nachher in gelb oder weiß gekleidet auf der Matte sitzen sehen will.


Als ich dann vor Ort war, war ich mir am ersten Tag kurzweilig unsicher, da die Zäune um die Anlage sicherlich nicht dafür da sind, Menschen daran zu hindern, ungewollt einzubrechen. Wir, die rund 120 freiwillig eingeschriebenen Meditationsschüler saßen hier gefühlt fest. Dreimal wurde ich im Vorfeld gefragt, ob ich mir sicher bin, dass ich die vorgegebenen Regeln einhalten werde? Beim dritten Mal durchlesen und unterschreiben, direkt bei der Anmeldung vor Ort, wurde mir etwas mulmig zumute. Was ist, wenn das hier doch eine Sekte ist? Was ist, wenn das hier ein Fehler ist? Die gewohnten und durch unsere Prägung anerzogenen Zweifel kamen hoch. Und natürlich, wer darf da in dieser angespannten Situation nicht fehlen, die wohl Bekannte "Angst". Sie ist ehrlicherweise schon die ganze Autofahrt nach Belgien mitgefahren. Kurz vor dem Mediationszentrum ist sie dann richtig laut und aufmüpfig geworden.

Aber ich habe meine Angst angenommen. Sie gehört ja eh zum Team. Und ich bin sehr froh, dass die Neugier in mir größer war als die Angst und ich diese wundervolle und absolut tiefgehende Erfahrung der Vipassana Meditation machen durfte.


Angst und eine natürliche Skepsis sind ja grundlegend auch nicht verkehrt. Jedoch ist es genau der Grund, warum ich mich entschieden habe, diesen persönlichen Bericht zu schreiben. Online finden sich neben zahlreichen positiven Erfahrungsberichten auch immer kritische Stimmen. Was jedoch auffällig ist, die meisten negativen Erfahrungsberichte sind von Menschen, die den 10-Tage-Kurs frühzeitig abgebrochen haben. Wenn es einem überhaupt nicht zusagt oder man sich doch nicht der Sache gewachsen fühlt, steht es einmal ja frei zu gehen. Beim Vipassana geht es um die Arbeit des Geistes auf tiefer Ebene. Das Schweigen und somit der wie sonst gewohnte Austausch mit anderen Menschen soll diesen Arbeitsprozess unterstützen und dich vor Ablenkungen schützen. Wenn dir das Sorgen bereitet oder für dich absolut nicht in Frage kommt, dann ist diese Vorgehensweise oder der 10-Tage-Kurs vielleicht nicht für dich gemacht.


Persönlich kann ich nur sagen, dass genau dieser Entzug der Möglichkeit mich mit anderen auszutauschen, mich tiefer zu mir selbst gebracht hat. Die Erfahrung, dass ich mir selbst die Antwort geben kann oder mich selbst beschützen oder trösten kann, ist für mich eher eine Bereicherung sowie Befreiung als eine Verwicklung oder Verkettung an eine höhere Instanz oder Führung.


Zu keiner Zeit fühlte ich mich untergeordnet oder mich meiner Rechte entledigt. Mit diesem Erfahrungsbereicht möchte ich daher etwaige Ängste,Vorurteile oder Zweifel gegenüber der Vipassana Meditation abbauen. Und gleichzeitig die eine Person, die es lesen soll, ermütigen, sich diesem Abenteuer ebenfalls zu stellen. Denn dann können wir uns in Zukunft darüber austauschen und hier zusammen auf der Matte meditieren.


Würdest du es noch einmal machen?

Diese Frage kann ich heute mit einem klaren JA beantworten. Während der 10 Tage im Dhamma Pajjota Vipassana Meditation Centre in Dilsen-Stokkem in Belgien ohne Reden, ohne Gestik, ohne Mimik, ohne Berühren oder Umarmen, ohne Lesen, ohne Musik, ohne Schreiben, ohne Handy, ohne Fernseher, ohne Radio war ich mir an einigen Tagen nicht so ganz sicher. Um ehrlich zu sein, wollte ich am 2., 6. und auch am 7. Tag aufgeben, abbrechen, aufhören, wegrennen. Wie auch immer. Es war so ungewohnt anstrengend mit meinem Geist komplett alleine zu sein. Diesem ungezähmten wilden Tiger, der bislang oft einfach in meiner gedanklichen Manege rumgesprungen ist und willkürlich das Publikum angegriffen hat. Ich fand das Bild eines Tigers für mich ganz ansprechend. Genauso gut könnte man ein wildes Pferd oder eine verrückte Affenbande wählen. Bin gespannt, was es bei dir ist?






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